Sonntag, 10. Juli 2016

Sich vom Ideal fragen lassen: Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis (Apg 2,41a.42-47)

Liebe Gemeinde,
Lukas hatte sich tief in die Geschichte seines Glaubens verkrochen. Er hatte nachgeforscht, nachgefragt, bei denen, die noch lebten, denn: er schrieb ein Buch über die Entstehung des Glaubens. Das erste, das über Jesus, war schon fertig. Nun war der zweite Teil im Entstehen: Wie ging es nach Ostern weiter?
Das Pfingstgeschehen hatte er schon beschrieben: Der Heilige Geist ließ die Menschen merken, dass Jesus der Sohn Gottes war. Dass die Christen recht hatten. Weitergehen würde es mit den ersten Aposteln.
Ach, das Leben damals, war schon ganz anders als das nun, 50 Jahre später. Damals, da war noch mehr Begeisterung, Pepp, dahinter. Und nun: Es Menschelte schon sehr!
Es gibt viel zu viel Streit – obwohl Jesus Gemeinschaft gefordert hatte.
Die Armen werden benachteiligt – obwohl Jesus Gleichheit wollte.
Und: Der Glaube ist in Gefahr.

Ob es damals besser war? Lukas ist sich nicht sicher. Vielleicht schon. Auf jeden Fall könnten sich die Leute heute von der damaligen Gemeinde eine Scheibe abschneiden. Vielleicht sollte Lukas noch ein Stückchen einfügen, in dem diese Punkte besonders betont werden. Ein Stückchen, in dem er vielleicht etwas übertreibt – aber zu einem guten Zweck: So könnte die Gemeinde heute ins Grübeln kommen, ob Ihr Leben noch den Idealen entspricht. Ob es nicht Zeit wäre, etwas zu ändern.
Ja, das wäre es!
Und so schreibt Lukas folgendes:
Die das Wort annahmen, ließen sich taufen.
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel
und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.
Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.
Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.


Liebe Gemeinde,
so ähnlich stelle ich mir die Gedanken des Lukas vor, als er unseren Predigttext schrieb: Ich glaube er wusste, dass 50 Jahre vor seiner Zeit, in der Zeit der ersten Gemeinde, nicht alle auf einen Schlag ihren Besitz verkauft haben.
Ich glaube er wusste, dass nicht einige tausend Personen einmütig täglich beieinander waren.

Ich glaube, es ging ihm drum, ein Idealbild zu zeichnen um seine Gemeinde auf Mißstände aufmerksam zu machen. Ich glaube er wollte Ihnen einen Spiegel vorhalten, aber er konnte schlecht wie Paulus seiner Gemeinde Vorwürfe machen.
Paulus, der konnte das: Er war Gemeindegründer, angesehen, schrieb direkte Briefe, die auch Vorwürfe und Anweisungen beinhalteten.
Er, Lukas, war Roman und Geschichtsschreiber. Er musste einen anderen Weg gehen um seiner Gemeinde einen Spiegel vorzuhalten. Und so schrieb er vom Idealzustand der christlichen Gemeinde, zurückversetzt in die Zeit der ersten Christen:
Alle wären täglich beieinander, einmütig, gingen täglich in den Tempel, feierten Abendmahl, teilten das Brot.

Ich glaube, es lohnt sich zu suchen, in welchen Punkten Lukas seiner Gemeinde den Spiegel vorhält, denn mein Eindruck ist: Dieser Spiegel, diese Punkte, treffen uns immer noch.
Mein Eindruck ist: Lukas stellt alles unter den Aspekt der Gemeinschaft. Und so habe ich mir drei Punkte herausgesucht, die diesen Aspekt der Gemeinschaft entfalten.

1. Gemeinsam Armut Bekämpfen

Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
Es hört sich an wie eine Kommune aus den 70ern, ein Kibbuz in Israel oder ein Kloster: Alle besitzen alles.
Für mich eine schreckliche Vorstellung: Ich bin froh, dass manche Sachen nur mir gehören. Und im Bibelkreis haben wir darüber diskutiert, was dann gemacht wird, wenn das Geld weg ist.
Aber eine richtige und wichtige Anfrage gibt es: Die Grundidee des Christentums ist, dass keiner Not leiden muss. Es soll keine Armen, keine Menschen die Hungerleiden mehr geben. Keiner soll betteln müssen, jeder soll genug zum Leben haben.
Ein Ideal von dem wir noch weit weg, fast genauso weit wie zur Zeit der ersten Christen.
Das Idealbild das Lukas uns malt stellt uns die Frage: Wie wichtig ist uns unser Besitz? Auf wie viel können wir verzichten?
Wären wir beispielsweise bereit eine Flüchtlingsfamilie in unser Haus aufzunehmen, wenn sie sonst auf der Straße stünde?

2. Gemeinsam den Glauben teilen
Die das Wort annahmen, ließen sich taufen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel

Die Urchristen teilten Ihren Glauben miteiander. Lukas idealisiert, aber aus seinen anderen Erzählungen und denen des Paulus wissen wir: Die ersten Gemeinden entstanden in Hausgemeinden, man öffnete sein Haus für andere und erzählte anderen vom Glauben.
Dahinter steckt eine wichtige Erkenntnis: Zum christlichen Glauben gehört Gemeinschaft. Es gehört dazu, gemeinsam über Jesus, Gott und die Bibel zu diskutieren. Es gehört dazu, sich von anderen kritische Fragen stellen zu lassen.
Es gehört auch dazu, Gemeinschaft im Gottesdienst zu erleben. Zu merken, ich bin nicht allein in meinem Glauben, gerade dann wenn mein Glaube angefochten ist.
Damals war es eher die Christenverfolgung, heute ist es eher wenn einer naher Mensch im Sterben liegt, man in Amerika wegen eines Rücklichts sterben kann oder der Terror ein Land trifft.
Es ist gut, gemeinsam über den Glauben nachzudenken.
Aber tun wir das genug? Teilen wir unsere Gedanken, unsere Bedenken? Kommen wir regelmäßig in eine Gemeinschaft, sei es im Gottesdienst, oder einen der Kreise?
Laden wir andere ein, mitzukommen, wenn Sie nicht kommen? Sind wir offen auch für die schrägen und schwierigen Mitchristen, für die unser Gottesdienst fremd ist?
Und können wir über alten Streit hinwegsehen oder darüber dass ein Prediger schwierig ist, weil uns die Verbindung im Glauben wichtiger ist?

3. Gemeinsam Feiern und Leben.
und sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.

Die ersten Christen feierten nicht nur Abendmahl, sie hatten  auch ein Abendmahl – sie aßen gemeinsam zu Abend. So viel Freude und lauteres Herz war sicherlich nicht dabei, denn von Paulus wissen wir, dass einige sich den Bauch vollschlugen, während die anderen auf einem Kanten Brot kauten. Aber von dem Arm-Reich Problem abgesehen: Die Christen feierten und lebten gemeinsam. Christentum, das lässt sich nicht an der Kirchentür anziehen und wieder abgeben. Als Christ bin ich mit dem Anderen mein Leben lang verbunden. Nicht immer einer Meinung und ohne Konflikte, aber so verbunden, dass ich mit Ihm gemeinsam zu Tisch essen kann. Jesus sagt: Wenn du Streit mit deinem Bruder hast, geh nicht im Tempel zum Gottesdienst sondern kläre erst den Streit mit deinem Bruder.
Wer einen Streit mit seinem Bruder hat weiß: eine schwere Aufgabe.
Ein zweiter Aspekt ist mir aufgefallen: Das Verhalten der Christen führt zu Wohlwollen beim Volk. Das heißt: Das Volk merkt, dass es die Christen gibt.
Die Christen damals verstecken sich nicht, leben ihr Christentum nicht im Kämmerchen, sondern sind sichtbar.
Wo sind wir sichtbar als Christen und als Kirche? Verstecken wir uns und denken wir uns: Die Leute werden schon kommen?
Oder gehen wir mit unserer Botschaft zu den Menschen? Sind vielleicht einfach nur da als Christen?

Liebe Gemeinde,
Lukas zeichnet ein Idealbild. Damit stellt er uns kritische Fragen, bringt uns ins Nachdenken.
Wir sollten uns kein schlechtes Gewissen machen lassen. Aber wir sollten offen sein für die Fragen des Lukas:
Bekämpfen wir gemeinsam Armut?
Teilen wir unseren Glauben miteinander?
Feiern und Leben wir gemeinsam?

Amen.

Samstag, 9. Juli 2016

Konfirmandenvorstellungsgottesdienst


Gottesdienst zur Konfirmandenvorstellung

Verfasser: Pfr. Gerhard Beck, Neunburg vorm Wald, gerhard.beck@elkb.de, http://www.gerhardbeck.de

Der folgende Gottesdienst wurde als Konfirmandenvor­stellungsgottesdienst am Anfang des Konfirmandenjahres entworfen.
Die Konfirmanden übernehmen die meisten Teile/Gebete

Eingangsmusik
Begrüßung (Pfarrer)

Eingangsgebet (Konfirmand):
Ich schaue und höre auf das, was gewesen ist,
die Bilder, die die vergangenen Tage in mir zurückließen,
die Stimmen, die noch in meinem Ohren und Herzen nachklingen, ich schaue und höre,
(Stille)
Ich schaue und höre, was in mir ist,
meine Bilder der Sehnsucht und Hoffnung,
meine Rufen, meine Angst und mein Bitten,
ich schaue und höre
Amen.

Pfarrer: Wir schauen und hören. Wir merken, wo wir unsere Grenzen haben. Wo wir gerne anders handeln würden, als wir es tun.
All unsere Grenzen bringen wir vor Gott mit der Bitte uns zu helfen. Wir singen
Kyrielied: Meine engen Grenzen (083)

Introitus: Ps 1 (Gesangbuch)
Wer auf Gott vertraut, der ist wie ein Baum. Gott ist unsere Wurzel, die uns trägt. Dafür wollen wir Gott loben mit dem Lied:
Gloria: 272: Ich lobe meinen Gott

Gebet des Tages: (Konfirmand)
Wir beten:
Unser Leben ist wie ein Baum mit tiefen Wurzeln.
Manchmal spüren wir den guten Grund,
in den wir eingepflanzt sind,
gewinnen Kraft und Halt in Gottes Liebe.
So bitten wir:
Lass uns nicht aufhören, Gott, nach dir zu fragen,
damit wir erfahren, wie gut du es mit uns meinst.
Amen

Lesung aus der Schrift: 2. Tim 3,14-17 (Konfirmand)
Glaubensbekenntnis (Pfarrer)

Wochenlied: 010 Lobe den Herrn meine Seele

Predigt (benötigt wird ein Haltestellenschild, lässt sich z.B. beim Bauhof ausleihen.
Als Vorbereitung haben die Konfirmanden sich am Tag vorher im Unterricht Gedanken gemacht: „Warum lohnt es sich über Gott nachzudenken?“)

Liebe Gemeinde,
wir haben hier ein Haltestellenschild aufgestellt. [Die Konfis kennen es schon von unserem Konfirmandenwochenende und alle diejenigen von Ihnen, die bei der Konfirmation dieses Jahr anwesend waren, wissen auch] Eine Haltestelle passt gut als Symbol für den Konfirmandenunterricht!
Der Konfirmandenunterricht ist der Beginn eines intensiven Nachdenkens über Gott. In jedem Konfirmandenunterricht bleibe ich stehen – wie an einer Haltestelle. Und ich werde dann an einem Samstag vormittag mitgenommen auf einer Reise des Nachdenkens über Gott. Sei es an einem ganzen Wochenende, sei es beim Geld sammeln, beim Nachdenken über den Ablauf des Gottesdienstes oder dem Versuch das Kirchenjahr in die richtige Reihenfolge zu kriegen.
Momentan sind wir ja noch in der Aufwärmphase, denn die harte Nüsse folgen noch: Die 10 Gebote und warum sie keine Befehle sind. Das Vater Unser, die Frage warum ich mein Kind taufen lassen sollte und am härtesten: Der Sinn des Glaubensbekenntnises. Ja, ganz ehrlich: Da beißen sich viele Erwachsene mit mehr als doppelt so viel Lebens- und Glaubenserfahrung die Zähne aus. Aber unsere Konfis die lassen sich darauf ein, steigen mehr oder wenig mit ein in den Bus Konfirmandenunterricht, der sie in die Welt des Glaubens mitnimmt.

Warum das ganze? Wieso sollen wir nachdenken über Gott? Das haben wir uns auch gestern gefragt und eine Auswahl an Antworten präsentieren uns jetzt X, Y und Z

Unser heutige Predigttext, der Psalm 1, findet andere Antworten. Sie haben ihn schon gesprochen, hören ihn aber jetzt nochmals in einer neuen Übertragung, gelesen von Konfirmand:
PS 1 neu gelesen: Übertragung aus der VELKD Agende Konfirmation

Pfarrer: Wohl dem, der nachdenkt über das, was uns helfen kann, und dann weiß, was er glaubt und wofür er lebt. Der ist wie ein Baum mit tiefen Wurzeln… der verbringt sein Leben nicht nutzlos“.

Ich denke, darum geht es. Deshalb machen Frau XYZ und ich diese Arbeit mit euch Konfis, jedes Jahr immer wieder von neuem: Weil wir uns mit euch auf die Suche nach dem machen, was uns im Leben helfen kann. Was uns trägt, so wie ein Baum gehalten wird. Weil wir mit euch nach dem Sinn des Lebens suchen wollen. Und ganz ehrlich: Weil wir auch selber immer wieder viel gewinnen, viel erfahren und viel von Euch lernen.
Wenn wir bei dem Haltestellenschild- Vergleich bleiben: Wir sind sehr gerne eure Busfahrer, die mit euch herumfahren.
Das Ziel zu dem wir alle gemeinsam fahren ist Gott. Ihn versuchen wir zu verstehen. Das hat bei euch schon als kleines Kind angefangen, spätestens im Religionsunterr-icht. Als Konfirmanden geht es weiter und diese Reise wird eigentlich nie enden. Aber es ist eine schöne Reise, denn sie lohnt sich: Wer nach Gott fragt, so sagt der Psalm, entdeckt das Leben, das ganzen Einsatz lohnt und sich bewährt.
Amen.

Vorstellung aller Konfis:
- Name, Alter, Wohnort, Konfirmandenunterricht ist für mich eine Haltstelle zu(m)

Predigtlied + Kollekte : 295,1-3 Wohl denen, die da wandeln

Abkündigungen (Pfarrer)
Fürbitten (Konfirmand)
Pfarrer: Guter Gott, du bist unsere Wurzel, aus der wir Leben. So kommen wir zu dir und bitten dich:

[Fürbitten von den Konfirmanden entworfen und vorgetragen]

Vater Unser

SEGEN
Der Herr segne und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesich leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch + Frieden.
Amen

Endlied: 295,4
Musik zum Ausgang

Sonntag, 17. April 2016

In jedem das Beste sehen - Predigt zum Sonntag Jubilate (1. Joh 5,1-4)


Liebe Gemeinde,
ich glaube jeder Mensch hat mindestens eine Person, mit der er gewaltige Probleme hat. Eine Person, bei der man am liebsten den Raum verlassen würde, wen sie ihn betritt.
Manchmal findet man einen einfach unsympathisch.
Manchmal hat diese Person jemanden verletzt.
Manchmal liebt man sich eigentlich auch, aber hatte einen Riesen-Streit.

All das ist ganz normal in unserer Welt. Wir sind Menschen und als Menschen muss und kann man sich nicht mit jedermann verstehen. Zu unserer Welt gehört, dass es Menschen gibt, die man nicht mag. Menschen, die sich unmöglich aufführen und Menschen die schreckliches tun.
Zu unserer Welt gehört der Streit am Arbeitsplatz, der Ehestreit, Schlimmer noch: Morde und Terrorismus. Aber ich denke, mit Mördern und Terroristen haben wir in unserem Alltag nicht oft zu tun. Eher haben wir mit dem Arbeitskollegen zu tun, der unerträglich ist oder mit dem Freund, mit dem es einen Krach gab.

Wie gehen wir mit dem Gegenüber um?
Bleiben wir in unserer Wut, unserem Ärger über den Anderen? Schaffen wir es in ihm oder ihr noch das Gute zu sehen? In einer Beziehung die Liebe zu spüren?
Oder glauben wir: die Person ändert sich nicht mehr! Da ist schon Hopfen und Malz verloren.

Unser Predigttext sagt: An Eurem Umgang mit dem Anderen, sieht man, ob ihr Christen seid. Unser Predigttext hält uns den Spiegel vor, zwingt uns ehrlich zu uns selbst zu sein.
Er steht im 1. Johannesbrief im 5. Kapitel:

Wer glaubt: Jesus ist der Christus, hat Gott zum Vater. Und wer seinen Vater liebt, liebt auch seine Geschwister, die ja denselben Vater haben.
Ob wir die Kinder Gottes lieben, erkennen wir daran:
Wir lieben Gott und halten seine Gebote. Denn unsere Liebe zu Gott äußert sich darin,dass wir seine Gebote halten. Und es ist nicht schwer, seine Gebote zu halten.
Denn jeder, der Gott zum Vater hat, besiegt die Welt.
Dabei ist es unser Glaube, mit dem wir diesen Sieg über die Welt erringen.

Liebe Gemeinde,
Wer glaubt, Jesus ist der Christus, der von Gott auserwählte, der Gesalbte, der hat Gott zum Vater. - Was macht einen Vater aus?
Ich denke ein Vater liebt seine Kinder – bedingungslos. Er liebt sie, auch wenn sie ihm auf die Nerven gehen, sich mit ihm streiten. Er liebt sie, weil sie seine Kinder sind.
Menschliche Väter haben ihre Grenzen. Es ist eine bedingungslose Liebe, aber sie ist nicht Grenzenlos. Da ist der Vater, der als überzeugter Christ in der Bibel liest, dass aktive Homosexualität nicht erlaubt ist.
Und sein Sohn outet sich als bekennender Schwuler. Eine Grenze wurde da für ihn überschritten und er will mit seinem Sohn nichts mehr zu tun haben.
Da ist der Vater, der seine Tochter verstößt, weil sie den falschen geheiratet hat: Jeden hättest du nehmen können, aber diesen nicht! Ruft er ihr zum letzten Abschied nach.
Da ist der Vater, dessen Sohn plötzlich das Erbe fordert. Du stirbst sowieso bald! Sagt er und geht mit dem Geld. Der Vater ärgert sich so sehr, dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben will.
Menschliche Väter haben ihre Grenzen. Auch das gehört zum Mensch sein, zu der Welt, in der wir leben.

Die Bibel beschreibt Gott als Vater anders: Als der Sohn, der das Erbe gefordert hat und das Geld verprasst hat, zurück kommt, umarmt ihn sein Vater. Er war traurig, dass er weggegangen ist und ist froh, dass der Sohn wieder da ist. Er beschützt ihn sogar vor seinem ärgerlichen Bruder.
Das ist schon über-menschlich. Es ist eine bedingungslose und grenzenlose Liebe.
Gott der Vater sieht das Gute in uns. Er sieht unser Potential, selbst wenn wir es durch unsere Handlungen verdecken. Er sieht in jedem von uns das Beste.
Und wer seinen Vater liebt, liebt auch seine Geschwister, die ja denselben Vater haben.
Gott sieht in mir das Beste. Gott lieben heißt: Ich nehme ihn ernst. Ich versuche zu verstehen und vor allem anzunehmen, dass Gott die geniale Fähigkeit hat, in uns allen das Beste zu sehen. Und weil ich Gott ernst nehme, versuche ich im Anderen das Beste zu sehen – so wie Gott.
Das ist leicht, bei Leuten die ich liebe. Und extrem schwer, bei Leuten, die ich nicht mag.
Es ist extrem schwer, im Höhepuntk des Streites, den ich mit meinem Partner habe, in ihm das Beste, seine liebenswertesten Eigenschaften zu sehen.

Aber genau das bedeutet Gott ernst nehmen, ihn lieben: Genauso wie er im anderen das Beste zu sehen.
Sich nicht zu denken: Der will mich nur ärgern mit dem was er sagt und tut.
Sondern innezuhalten und sich zu überlegen: Warum tut er, sie das. Und erst danach etwas zu sagen. Oder manchmal besser zu schweigen.
Wenn wir das schaffen, halten wir Gottes Gebote, so möchte ich behaupten. Denn wir erfüllen das, was Jesus als das Höchste der Gebote bezeichnet hat: Liebe Gott und lieben deinen Nächsten wie dich selbst.
Und es ist nicht schwer, seine Gebote zu halten. Behauptet der Predigttext: Denn jeder, der Gott zum Vater hat, besiegt die Welt.
Ich finde es sehr schwer, das Gebot der Liebe zu halten. Ich finde es sehr schwer mir bei der Person, der ich aus dem Weg gehe, zu überlegen was ihr bestes sei.
Ich finde es sehr schwer mitten in einem Streit zu bedenken, was ich am anderen liebe.
Es ist extrem schwer die drei Gebote: liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe dich selbst zu halten!

Aber es ist es wert es zu versuchen. Denn es ist uns ja ein Versprechen mitgegeben: Denn jeder, der Gott zum Vater hat, besiegt die Welt.
Dabei ist es unser Glaube, mit dem wir diesen Sieg über die Welt erringen.

Die Welt besiegen, das heißt: Die Welt verändern.
Die Welt verändert sich, wenn wir es schaffen, im Anderen das Beste zu sehen.
Die Welt verändert sich, wenn wir mit der Person, der ich nicht begegnen will, in einem Raum zu sein.
Die Welt verändert sich, wenn ich mich mit meinem Partner wieder versöhne und den nächsten Streit im Keim ersticke, weil ich mich zurückhalte.
Die Welt verändert sich, wenn ich bereit bin zu vergeben.

Ich finde: Die Veränderung der Welt ist die Mühe, dass wir versuchen das Beste im Anderen zu sehen, wert. Amen

Sonntag, 3. April 2016

Ein Brief der Hoffnung - Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti (1. Petr. 1,3-9)


Gnade sei mit euch und Friede von Gott ,unserm Vater, und unserem Herren Jesus Christus. Amen.

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes
bitten.

Liebe Gemeinde,
langsam neigte sich sein Leben dem Ende zu. Er merkte wie die Wochen und Tage immer knapper wurden. Es war an der Zeit Abschied zu nehmen.
Es war ihm ein Herzensanliegen seinen Freunden nochmals zu schreiben. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen, sie waren weit weg und sie hatten es – weiß Gott – nicht leicht. Sie waren erst vor einigen Jahren Christen geworden, fragten ihn immer um Rat und lebten zwischen lauter Fremden, die keine Christen waren. Es war schwer für sie, am Glauben festzuhalten.
Aber gerade da sein Tod sich näherte, merkte er, wie sehr in sein Glauben stärkte. Wie dieser ihm die Angst vor dem Tod nahm. Das wollte er Ihnen noch mitgeben, als letztes sozusagen. Diese Botschaft lag ihm noch auf dem Herzen: Der Tod ist nicht das Ende. Wir können uns auf ein Leben nach dem Tod freuen. Durch die Auferweckung von Jesus hat Gott gezeigt, dass dies kein Traum, keine Spinnerei ist.
Nein, es ist eine reele Hoffnung.

Und so schrieb er:
(1. Petr. 1) An die Auserwählten, in der Fremde zerstreut.
(3) Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. In seiner großen Barmherzigkeit hat er uns sozusagen neu geboren.
Durch die Auferweckung von Jesus Christus aus dem Tod
hat er uns eine lebendige Hoffnung geschenkt.
(4) Es ist die Hoffnung auf ein unvergängliches,
reines und unverlierbares Erbe.
Gott hält es im Himmel für euch bereit (5) und bewahrt euch durch seine Macht.
So erlangt ihr durch den Glauben die Rettung, die am Ende der Zeit offenbar werden soll.(6) Darüber könnt ihr euch freuen.
Ja, das waren die richtigen Worte. Die drückten auch seine Hoffnung aus, die in ihm lebte. Die ihm die letzten Monate durchhalten ließ. Die ihn nicht in Depression und Angst verfallen ließ, sondern kurz vorm Tod noch lächeln ließ.
Er fühlte sich mit Jesus verbunden und wusste: Das würde auch über den Tod hinaus halten.

So war es nicht immer. Sein Glaube war nicht immer so stark. Er hatte so seine Höhen und Tiefen durchlebt. Im Leben und im Glauben. Oft war er an Gott verzweifelt. Oft hatte er wie Jesus am Kreuz geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Aber irgendwie blieb er immer mit Gott in Kontakt. Es war ein Geschenk: Den Kontakt zu Gott verlor er nie.
So wurde sein Glaube in den schweren Zeiten immer stärker.
Und wertvoller: Nie würde er ihn aufgeben, nicht mal wenn er dafür mit Gold überschüttet werden würde.

Sein Glaube trug ihn zum Schluss durch die schweren Zeiten seines Lebens. Durch Leid und Krankheit.
Er merkte: Auch die schweren Zeiten gehen vorbei.
Im Nachhinein kamen ihm die schweren Zeiten des Lebens wie eine Prüfung vor: Eine Prüfung, in der sein Glaube geprüft wurde.

Er hatte zu viele Glaubensbrüder gesehen, die sich als es schwer wurde, von Gott abwandten: „Aushalten soll ich? Nur weil Jesus es ausgehalten hat? Ich soll darauf vertrauen, dass Jesus weiß, wie es mir geht? Was ist das für ein Gott, der selber leidet?
Da gehe ich lieber zurück zu meinen alten Göttern, denen kann ich ein Geschenk bringen, wenn es mir schlecht geht und alles wird wieder gut!“ so hatten viele gesagt. Und waren nie wieder erschienen.
Ihr Glaube an Gott, der das Leid nicht einfach wegzaubert, sondern mitleidet, war nicht stark genug.

Er hoffte nur, dass seine Freunde nicht genauso schwach waren. Er musste ihnen das noch dringend schreiben: Sie mussten durchhalten! Am Ende würde Gott alles belohnen!
Und so schrieb er weiter:
Allerdings müsst ihr nach Gottes Willen jetzt erst einmal eine kurze Zeit leiden.
Denn ihr werdet mehrfach auf die Probe gestellt.
(7) Das dient dazu, dass euer Glaube sich als echt erweist.
Er ist wertvoller als vergängliches Gold,
das im Feuer auf seine Echtheit geprüft wird.
Dafür werdet ihr bei der Offenbarung von Jesus Christus
Lob, Herrlichkeit und Ehre erfahren.

Ja, er war sich sicher, Lob, Herrlichkeit und Ehre, das würden sie einmal erfahren. Für ihn waren sie Helden – Glaubenshelden. Sie hatten den Mut gehabt aus ihrer eigenen Religion auszubrechen und Jesus zu folgen.
Sie lebten als Christen immer noch unter Nichtchristen. Oft wurden sie beleidigt, benachteiligt, manchmal bei den lokalen Behörden angezeigt und verfolgt.
Das alles nahmen sie auf sich, obwohl Sie Jesus nicht selbst gesehen hatten, obwohl er Ihnen nicht erschienen war.
Das war bewundernswert. Und er war sich sicher: Gott würde das belohnen. Das musste er Ihnen noch schreiben, das würde Ihnen Mut machen:
(8) Ihr liebt ihn, obwohl ihr ihn nicht gesehen habt.
Ihr glaubt an ihn, obwohl ihr ihn jetzt nicht seht.
Deshalb könnt ihr jubeln in unaussprechlicher Freude,
die schon von der künftigen Herrlichkeit erfüllt ist.
(9) Denn ihr empfangt, was das Ziel eures Glaubens ist:
eure endgültige Rettung.

Seine endgültige Rettung würde der Tod sein. Er freute sich darauf, endlich gehen zu können und in die Herrlichkeit zu kommen.
Er legte den Brief bei Seite. Einiges lag ihm noch auf dem Herzen, aber das würde er morgen weiterschreiben können.

Im Moment dachte er über seinen Tod nach. Vielleicht sollte er Anweisung geben, dass bei seiner Beerdigung alle in farbenfroher Freudenkleidung erscheinen. Und dass danach ein Hoffnungsfest gefeiert werden würde. Das wäre passend.
Amen

Den Bibeltext als Ganzes zum Nachlesen finden Sie im 1. Petrusbrief, in den Versen 3-9.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Donnerstag, 24. März 2016

Das Abendmahl ist etwas besonderes - Predigt zum Gründonnerstag (1. Kor 11,23-26)


Liebe Gemeinde,
der Predigttext des heutigen Abends steht im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus im 11. Kapitel.
Er schreibt:

Ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe:
Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward,
nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach:
Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird;
das tut zu meinem Gedächtnis.“
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut;
das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Liebe Gemeinde,
das sind altbekannte Worte. Wir hören Sie bei jedem Abendmahl, bei jeder Eucharistiefeier.
Automatisch antworten wir schon: „Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit“
Doch wollen wir uns einmal die Zeit nehmen und den Text der Reihe nach anschauen.
Es handelt sich um eine Überlieferung, die so an Paulus weitergegeben wurde und die er weitergibt:

Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“
Der Text bezieht sich direkt auf den Tag heute, auf Gründonnerstag. Es ist die Nacht, in der er verraten ward, die Nacht, in die wir nachher hinausgehen.
Jesus feiert das Passamahl mit seinen Jüngern. Dabei wird Brot gebrochen und Wein getrunken.
Aber er sagt die falschen Worte. Er redet nicht von der Befreiung aus Ägypten, er redet von seinem Tod.
Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.
Kirchen haben sich zerstritten über diese Formulierung.
Natürlich erinnert dieser Satz erstmal an das, was da kommt: Nämlich Karfreitag. Er erinnert an den Leib Christi, wie er am Kreuze hängt.
Und theologisch stellt sich die Frage: Wie kann das Brot, das wir teilen, Leib Christi sein.
Die katholische Kirche hat es mit griechischer Philosophie gelöst: Es ist Leib Christus, aber es hat weiter die Form von Brot.
Die Reformierten haben es mit „das steht für meinen Leib“ übersetzt.
Und Luther stand dazwischen: Es bleibt Brot, auch innerlich, wird aber im Glauben zum Leib.
Ich denke, das wichtige ist die Gemeinschaft. Wenn wir nachher zusammen stehen, gemeinsam feiern, Brot Essen und Saft trinken, dann sind wir eine Gemeinschaft. Ob wir uns nun gut kennen oder nicht: Wir gehören in diesem Augenblick zusammen.
Darin drückt sich für mich der Leib Christi aus: Wir sind eine Gemeinschaft in Christus. Das Brot, das Leben und die Botschaft von Jesus Christus, verbinden uns über alle Grenzen hinweg.
Das ist eine sehr radikale und anspruchsvolle Botschaft: Auch der christliche Flüchtlinge, vor dem ich Angst habe, dass er mein Abendland überfremdet, ist mit mir Verbunden. Auch er gehört zum Leib Christi.
Und sie heißt: Wir müssen uns fragen: Nehme ich die anderen auch so an? Schaffe ich das, mich mit Ihnen verbunden zu fühlen?
Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.
Dieses „ der für euch gegeben wird“ hat auch theologische Rattenschwänze hervorgerufen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es hier nicht um ein Opfer geht. Ich glaube diese alte Vorstellung ist falsch.
Ich glaube, es am Kreuz geht es um etwas anderes. Es geht darum, dass wir uns Jesus nahe fühlen. Jesus drückt sich nicht vor seiner Angst und seinem Tod. Er ist bereit für seine Botschaft von der Liebe Gottes in den Tod zu gehen. Und indem er dies macht, kommt er uns ganz nahe. Denn Jesus ist der, der Angst hat wie ich, der leidet wie ich, der stirbt wie ich.
Und dennoch ist er der, der Gott näher ist als jeder Mensch es je war. Und so kommt mir im Leid Gott nahe und tröstet mich. Darum geht es am Karfreitag, im „leib, für euch gegeben.“
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut;
das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Mit dem Tod Jesu und der Auferstehung beginnt ein neuer Bund – der Bund das waren Versprechungen Gottes. Erst für einzelne Menschen wie Abraham, später für das Volk Israel.
Mit dem Tod beginnt ein neuer Bund: Die Versprechung Gottes der sagt: Ich bin dir nahe in deinem Leiden. Ich bin nicht ganz weit weg, unerreichbar. Sondern ich bin durch Jesus Christus ganz nah da. Ich weiß, wie Leiden ist.
Und mit der Auferstehung zeige ich dir: Das Leid und der Tod sind nicht das Ende. Das Leben geht weiter. Anders, unvorstellbar, aber weiter.
In der Liturgie der Kirche hat sich das eingespielt, dass die Auferstehung, die bei Paulus an dieser Stelle nicht vorkommt, da es ihm um die Feier des Abendmahls geht, in unserer Abendmahlsliturgie vorkommt.
Paulus interpretiert die Worte Jesu so: „Sooft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn bis er kommt.“
In der Liturgie wird geantwortet: Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
Ich denke Paulus sagt etwas wichtiges: Wenn wir Abendmahl feiern ist das nicht nur irgendein gemeinsames Abendessen. Wenn wir Abendmahl feiern, dann verkündigen wir, das heißt, wir setzen ein Zeichen, wir erzählen von unserem Glauben:
Wir zeigen: Wir gehören als Christen zusammen. Wir sind verbunden.
Wir zeigen: Wir glauben daran, dass der Tod nicht das Ende ist und ein neuer Bund beginnt.
Wir glauben daran, dass unser Gott ein Gott ist, der nicht weit weit weg ist, sondern Leid und Schmerz kennt.

Und weil die Abendmahlsfeier so viel mehr ist, bleiben diese Einsetzungsworte immer gleich. Egal ob ich sie in der katholischen oder der evangelischen Kirche feiere. Egal ob als deutsche Messe wie heute, oder gewöhnlich. Egal ob mit Konfirmanden oder Senioren.
Die Abendmahlsworte sind gleich und das Abendmahl ist immer etwas besonderes.

Amen

Samstag, 27. Februar 2016

Rein statt raus! Predigt zu Eph 5,1-9 (Oculi)


Liebe Gemeinde,
unser heutiger Predigttext enthält große Zusagen. Er betont, wie sehr wir zu Gott gehören. Der Verfasser des Epheserbriefes schreibt im 5 Kapitel:
Nehmt euch also Gott zum Vorbild!
Ihr seid doch seine Kinder, denen er seine Liebe schenkt.Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist. Genauso hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben – als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt wie wohlriechender Duft.
Denn früher wart ihr Teil der Dunkelheit. Aber jetzt seid ihr Teil des Lichts, denn ihr gehört zum Herrn.
Führt also euer Leben wie Menschen, die zum Licht gehören – Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Liebe Gemeinde, ist das nicht eine schöne Zusagen:
Wir sind Gottes Kinder, denen er seine Liebe schenkt. Es gibt einen, der liebt uns. Früher war es dunkel um uns herum, aber jetzt gehören wir zum Licht, wir sind sogar ein Teil des Lichtes.
Es tut mir gut, das zu hören: Ich bin Gottes geliebtes Kind, ein Teil des Lichts.

Und natürlich hat es irgendeine Konsequenz, dass ich ein Teil des Lichtes bin. Licht seint, bringt Menschen zum Leuchten, tut gut, bringt Freude ins Herzen.
Nehmt euch also Gott zum Vorbild!
Ihr seid doch seine Kinder, denen er seine Liebe schenkt. Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde das sehr motivierend: Mein Leben von der Liebe bestimmt, das fühlt sich gut an. Liebe etwas schönes, viel schöner, als Hass oder Zorn. In Liebe würde ich mein Leben gerne führen.

Führt also euer Leben wie Menschen, die zum Licht gehören – Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Das wird schon schwieriger. Ich bemühe mich ja um Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit, aber nur der Blick auf die letzten 2 Tage mit den Kindern macht es schwer. Wenn meine Nerven dünn sind wie ein Nähfaden, dann ist das schwer mit der Güte.
Und was ist Gerechtigkeit bei zwei kleinen Kindern? Ist es nun gerecht dass die den Blumenstrauss trägt, die ihn ausgesucht hat, oder die, die ihn noch nicht hatte? Eine Kleinigkeit, aber für Kinder eine große Sache.
Und Wahrheit: Sollte man immer alles komplett ehrlich sagen, wenn man andere verletzt?

Das wird schwierig, im Licht zu leben. Und ich sage guten Gewissens: Das ist normal. Kein Mensch ist perfekt. Jeder Mensch macht Fehler, denkt manchmal nicht genug nach, verletzt andere, absichtlich und unabsichtlich. Theologisch gesagt: Wir sind ein Abbild Gottes, aber wir haben die Erbsünde.
Die Frage war in der Kirche schon immer: Wie gehen wir mit den Sündern um? Schließen wir sie aus oder schließen wir sie ein. Durch die ganze Kirchengeschichte können wir diese Streitigkeit beobachten. Und auch heute wird darum gestritten.
In der katholischen Kirche zeigt sich das an der Frage, ob Wiederverheiratete zum Abendmahl zugelassen werden.
In den evangelikalen Kreisen wird darüber diskutiert, ob Schwule, die dort als Sünder angesehen werden, in Gemeinden mitarbeiten dürfen.
Dürfen Sie in der Gemeinde drinbleiben oder müssen sie raus, die Sünder?

Der Epheserbrief hat eine sehr klare Meinung und die ist raus. Das zeigt sich im Rest des Predigttextes, den ich zuerst ausgelassen habe, da für mich sonst die Liebe Gottes vollkommen untergegangen wäre.
Ich lese Ihnen den Predigttext als ganzes:
Nehmt euch also Gott zum Vorbild!
Ihr seid doch seine Kinder, denen er seine Liebe schenkt. Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist.
Genauso hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben – als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt wie wohlriechender Duft.
Über Unzucht, jede Art Unsittlichkeit oder Habgier sollt ihr nicht einmal reden. Denn das gehört sich nicht für Heilige. Ihr sollt nichts sagen, das andere herabsetzt, nicht dumm daherreden und keine zweideutigen Witze machen. Das ist nicht angemessen! Bringt vielmehr euren Dank zum Ausdruck.

Denn eines müsst ihr wissen. Jede Art von Unzucht, Unsittlichkeit und Habgier – die ist ja nichts anderes als Götzendienst – verhindert, dass jemand seinen Anteil am Erbe erhält: dem Erbe in dem Reich, wo Christus zusammen mit Gott herrscht.
Niemand soll euch mit leeren Behauptungen täuschen.
Denn wegen solcher Dinge bricht der Zorn Gottes über die Menschen herein, die ihm nicht gehorchen.
Mit solchen Leuten dürft ihr nichts zu tun haben!
Denn früher wart ihr Teil der Dunkelheit. Aber jetzt seid ihr Teil des Lichts, denn ihr gehört zum Herrn. Führt also euer Leben wie Menschen, die zum Licht gehören – Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Raus! Das ist die klare Antwort des Epheserbriefes. Redet nicht einmal über Unzucht, über Unsittlichkeiten, über Habgier. Redet nicht dumm daher, keine zweideutigen Witze.
Wer dem nicht folgt, der folgt Gott nicht. Mit dem darf ein Christ nichts zu tun haben. Wer dem nicht folgt, der kommt nicht ins Reich Gottes.
Raus, aus der Kirche, wer sich nicht benehmen kann!

Ich glaube, unsere Kirche wäre sehr leer. Zumindest hätten sie keinen Pfarrer mehr, denn manchmal sage ich etwas, das andere herabsetzt – wenn auch meist ohne Absicht. Außerdem rede ich öfters dumm daher und kenne auch jede Menge zweideutiger Witze – über die ich gut lachen kann.
Und dann darf man über Unzucht, Unsittlichkeit und Habgier noch nicht einmal reden.
Ich glaube, der Epheserbrief will uns eines klar machen – und damit hat er recht:
Wenn ich Christ bin, muss mein Leben das spiegeln. Sonst bin ich unglaubwürdig.
Mein Leben soll die Liebe Gottes spiegeln.
Also: Wenn ich meine Frau, die mich liebt, betrüge und sie damit verletze, dann merkt man nichts von der Liebe Gottes.
Wenn mein oberstes Ziel mein Geld ist, ich weder bei meinem Einkauf noch in meiner Arbeit an den nächsten und an Gott denke, sondern nur an mich: Dann merkt man nichts von der Liebe Gottes.
Und wenn ich über andere schlecht rede, sie fertig mache und Witze über sie mache – dann merkt man nichts von der Liebe Gottes.
Dann ist das Dunkelheit in meinem Herzen, aber kein Licht. Und die Liebe Gottes, das Licht, muss man spüren,

So weit, so gut. Da kann ich mitgehen.
Aber dieses „Raus!“, die Androhung von Gottes Zorn und die Aufforderung alle zu vermeiden, die es nicht schaffen, dass man Ihnen das Licht abspürt: Nein, damit komme ich nicht zurecht.
Das passt nicht zu meinem Bild von Gott.
Das passt nicht zur Geschichte vom verlorenen Sohn. Ich stoppe beim Erzählen immer und lasse sie erraten, was der Vater wohl macht, wenn der Sohn zurückkommt, der Sohn, der so viel falsch gemacht hat. Manche sagen: Er sollte ihm erst mal eine Watschn geben. Oder ihn anbrüllen.
Der Vater nimmt ihn in den Arm und lässt ein Bad herrichten.
Das ist mein Bild von Gott! Ein gnädiger Gott, der mich liebt und annimmt, auch wenn ich Fehler mache.
Ein Gott der Liebe, für den ich ein geliebtes Kind bin. Ein Gott, bei dem ich Teil des Lichts sein darf. Ein Gott dessen Licht stärker ist als die dunklen Flecken, die ich vielleicht mit reinbringe.
Ein Gott des „komm rein, du gehörst zu uns, auch mit dienen Fehlern“, statt des „geh raus, mit dir will ich nichts zu tun haben“

Der Epheserbrief, er kennt diese Seite von Gott auch. Er erwähnt sie ja am Anfang und am Ende.
Und er mahnt mit Recht, dass die Liebe Gottes sich in uns spiegeln soll.
Nur schade, dass ihm das „Raus“ an dieser Stelle so wichtig ist.
Amen