Sonntag, 27. November 2016

Siehe es kommt die Zeit ... - Predigt zu Jer 23,5-8 (1. Advent)


Gnade sei mit euch und Friede von Gott ,unserm Vater, und unserem Herren Jesus Christus. Amen.
Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes
bitten.

Liebe Gemeinde,
es war eine Zeit voller Kriege. Denn so toll es war, dass das Land fruchtbar war, es hatte einen Nachteil: Die Großmächte Ägypten und Babylon trafen hier aufeinander. Natürlich wollten sie nicht in der Wüste Arabiens Krieg führen. Also zogen Sie am Mittelmeer entlang aufeinander zu. Von Süden kamen die Ägypter und von Norden die Babylonier. Erst war der nördliche Nachbar Israel erobert worden, jetzt war Juda, das Südreich dran. Auf dem Thron saß Zedekia, der vom babylonischen König Nebukadnezar als Vasall eingesetzt worden war. Aber immer wieder wagte er, von Ägypten angestachelt, den Aufstand. Und so lag der Krieg mit den mächtigen Babyloniern in der Luft, Kriegsvorbereitungen waren überall spürbar und natürlich mussten die Armen zuerst darunter leiden.
Sie riefen zu Gott, in Erinnerung daran, dass er sie aus Ägyptenland geführt hatte.
Aber wo war er nun? Die Stämme des großen, stolzen Volkes der Juden, die im Norden lebten, waren zerschleppt und verstreut.
Kümmerte er sich noch um sie?
Der Prophet Jeremia glaubte daran und erzählte davon. Wie oft hatte er schon die Könige ermahnt, ihr Schicksal anzunehmen und keinen Krieg zu riskieren. Wie oft war er schon dafür eingesperrt worden.
Aber immer noch redete er und immer mehr von der verheißungsvollen Zukunft:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Es war eine Zeit voller Kriege. Denn so toll es war, dass das Land fruchtbar war und Zugang zum Meer hatte, es hatte einen Nachteil: Durch das Meer kamen die Römer. Und Sie eroberten alles. Die Militärherrschaft setzte ihr Recht mit Gewalt durch und auf dem Thron saß ein Vasallenkönig. Er hielt sich verzweifelt an der Macht fest und versuchte durch Bauten sich beim Volk einzuschmeicheln. Aber der Krieg und die Steuern machten das Volk arm. Aufstand lag in der Luft, immer mehr Zeloten ermordeten aus dem Hinterhalt römische Soldaten. Es war klar, dass bald schlimmeres passieren würde.
Und dann noch diese Volkszählung für neue Steuern. Jeder musste in sein Heimatdorf.
Josef musste nach Bethlehem, dem Sitz Davids. Aus dessen Spross sollte er kommen, der König von dem alle träumten:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Es ist eine Zeit voller Kriege. Denn so fruchtbar das Land ist: Jedes Volk wollte hier leben und ist hier schon einmal durchgezogen. Wer hat da schon das Recht allein in diesem Land zu leben? Gerecht ist der Kampf um das Land schon lange nicht mehr.
Nur mit Militär und Angst lässt es sich in Israel und Palästina leben. Unterdrückung und Angst vor Angriffen und Anschlägen gehören zum Leben.
Der Krieg, der Kampf bestimmt die Politik, wofür Geld ausgegeben wird, das tägliche Leben.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Es ist eine zeitlose Ansage, die Jeremia macht. Denn so klug der Mensch ist: Immer wieder streitet er, kämpft, führt Kriege. Immer wieder ist er auf den eigenen Vorteil bedacht. Immer wieder ist er ungerecht und bricht das Recht.
Immer wieder schreit er „mein Volk“
Immer wieder brauchen wir diese Verheißung Gottes. Als Versprechen, als Hoffnung.
Als Mahnung.
Und als Erinnerung, Gott an sein Versprechen zu erinnern.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Sonntag, 9. Oktober 2016

Sex, Geld und Heiligkeit - Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis (1. Thess 4, 1-8)


Liebe Gemeinde,
wenn Sie versuchen im Internet die Anzahl der Heiligen zu erfahren, so scheitern sie schnell. Etwas über 8000 dürften es nach meinen Berechnungen in der katholischen Kirche sein, nachdem Papst Franziskus auf einen Schlag über 800 Personen heilig gesprochen hat.
Wie viele es in den Orthodoxen Kirchen sind ist unklar.
Und bei uns Evangelischen? „Keine!“ würden gut Evangelische Antworten. Dabei ist das Falsch. „Noch viel mehr als bei den anderen!“ lautet die korrekte Antwort. Denn: Wir alle sind Heilige.
Bei uns gibt es keine Heilig-Sprechung, keine Wunder die getan werden müssen. In der Evangelischen Kirche reicht der Glaube an Jesus, die Beziehung zu Gott um heilig zu sein. Heilig, das heißt eigentlich zu Gott gehörig. Und das sind wir: Durch unseren Glauben und als sichtbares Zeichen: Durch die Taufe.

Das tolle ist ja: Wer heute im Katholizismus heilig werden will, dessen Lebenswandel muss penibelst geprüft werden. Der Lebenswandel darf der Heiligkeit nicht im Wege stehen. Nur wer ein heiliges Leben führt, ein Glaubensvorbild im Alltag ist, nur der kann heilig sein.
Da hätten wir wahrscheinlich wenig Chancen heilig zu werden. Und doch sind wir es. Wir gehören zur Gemeinschaft der Heiligen, wie es das Glaubensbekenntnis sagt.
Denn: Nicht unser Lebenswandel ist das entscheidende, sondern unser Glaube.
Und durch den Glauben sind wir heilig. Durch den Glauben nimmt uns Gott an, egal wie wir unser Leben gestalten.

Und dennoch: So ganz unrecht hat die katholische Kirche nicht, denn der Lebenswandel zeigt, wie sehr man sich von seinem Glauben berühren lässt. Wenn mir mein Glaube wichtig ist, dann wird sich das im Lebenswandel ausdrücken. Und umgekehrt: Am Lebenswandel eines Menschen erkenne ich seine Einstellung.

In unserem heutigen Predigttext geht es Paulus um den Zusammenhang zwischen Heiligkeit und Lebenswandel.
Er stellt sie allerdings in einem anderen Zusammenhang als wir es gerade getan haben, denn er lebt in einer anderen Situation. Er rechnet im 1. Thessalonicherbrief noch damit, dass Jesus sehr bald wiederkommen wird und das Gericht beginnen wird. Vielleicht nächste Woche, vielleicht nächsten Monat, längstens in 1-2 Jahren.
Und in dieser kurzen Zeit kann man ruhig schauen, dass man einen perfekten Lebenswandel hat, denn für Paulus zur damaligen Zeit beweist er die Heiligkeit.

Wir leben heute in einer anderen Situation. Wir rechnen nicht mehr damit, dass morgen Jesus wiederkommt. Wir wissen, es kann sein, dass wir es nicht mehr erleben.
Aber die Frage: Zeigt mein Leben meinen Glauben? Diese Frage hat die Jahrhunderte überdauert
Paulus schreibt an im 1. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki im 4. Kapitel folgendes:
Noch zu etwas anderem, Brüder und Schwestern:
Ihr habt von uns gelernt, wie ihr euer Leben führen müsst, um Gott zu gefallen.
Und ihr lebt auch schon so.
Nun bitten und ermahnen wir euch unter Berufung auf den Herrn Jesus: Macht darin auch weiterhin Fortschritte.

Ihr kennt ja die Anweisungen, die wir euch im Auftrag des Herrn Jesus gegeben haben.
Denn es ist der Wille Gottes, dass ihr heilig seid.
Und das bedeutet: Unterlasst alle verbotenen sexuellen Beziehungen. Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen.
Folgt nicht den leidenschaftlichen Begierden, wie es die Heiden tun, die Gott nicht kennen.
Setzt euch in geschäftlichen Angelegenheiten nicht über euren Bruder hinweg und bereichert euch nicht an ihm.
Denn all diese Dinge unterliegen dem Strafgericht des Herrn.
Das haben wir euch aber auch schon früher gesagt und euch ausdrücklich darauf hingewiesen.
Denn Gott hat uns nicht zur Unsittlichkeit berufen, sondern zur Heiligkeit.
Wer diese Berufung zurückweist, weist demnach nicht einen Menschen zurück. Er weist vielmehr Gott zurück, der euch mit seinem Heiligen Geist erfüllt.

Liebe Gemeinde,
ich werde mit dem Text nicht wirklich warm. Mir ist da zu viel an Ermahnung drin, zu viel moralischer Zeigefinger. Ich werde das Gefühl nicht los, dieser Paulus macht an unserem Leben fest, ob wir Heilig sind.
Dieser Brief ist der erste, den er schrieb. Mir ist der Paulus im letzten lieber: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, … Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben...: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«
Im Römerbrief, seinem letzten Brief, betont er den Glauben als das selig-machende, nicht den Lebenswandel. Und so wurde der Römerbrief zur Inspiration für Luther.
Aber vielleicht tue ich Paulus unrecht, denn auch im 1. Thessalonicherbrief schreibt er von der Heiligkeit, die schon da ist: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr euer Leben führen müsst, um Gott zu gefallen.
Und ihr lebt auch schon so.
Nun bitten und ermahnen wir euch unter Berufung auf den Herrn Jesus: Macht darin auch weiterhin Fortschritte.
Und:
Denn Gott hat uns nicht zur Unsittlichkeit berufen, sondern zur Heiligkeit.
Wer diese Berufung zurückweist, weist demnach nicht einen Menschen zurück. Er weist vielmehr Gott zurück, der euch mit seinem Heiligen Geist erfüllt.
Letzteres bedeutet: Gott erfüllt uns mit dem Heiligen Geist. Und der Heilige Geist lässt uns ein heiliges Leben führen, ein Leben, das zu Gott passt und bei dem Andere dann sehen: Ja, dieser Mensch will zu Gott gehören.

Das ist auch das was Luther glaubte: Gott bringt uns im Glauben zum Überfließen, wie er es sagt, zu den Werken in Liebe. Durch den Glauben kommen wir Gott nahe und das wirkt sich in unserem Leben aus.

Paulus ermahnt in zwei Punkten, ich bin mir sicher, diese Liste könnte man ergänzen. Aber vielleicht sind es einfach zeitlose Punkte: Sex und Geld.

Fangen wir mit dem Sex an. Paulus schreibt: Unterlasst alle verbotenen sexuellen Beziehungen. Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen.
Folgt nicht den leidenschaftlichen Begierden, wie es die Heiden tun, die Gott nicht kennen.

Nimm deinen Körper und den des anderen Ernst! Folge nicht einfach deinen Begierden, sondern beachte dass dein Körper etwas besonderes ist. Jemandem körperlich nahe zu kommen, ist auch etwas besonderes. Es bringt einen auch emotional nahe, macht sich und den anderen sehr verletzlich.
Daher: Sei vorsichtig, wenn es um das Thema Sex geht

Und Geld: Geld regiert die Welt. Bei Geld da hört die Freundschaft auf! Diese Sprichwörter sie zeigen: Geld ist wichtig in der Beziehung der Menschen zueinander. Offensichtlich war es das auch schon bei den ersten Christen.
Deshalb ermahnt Paulus kurz und knapp: Setzt euch in geschäftlichen Angelegenheiten nicht über euren Bruder hinweg und bereichert euch nicht an ihm.
Ein Satz der es in sich hat. Heute vielleicht noch mehr als vor 2000 Jahren.
Vielleicht denken Sie sich jetzt: Ach, ich mache nicht viel Geschäfte und mit Leuten aus der Gemeinde eh nicht, kein Problem!

Aber: Wir setzen uns in unserem Leben wie wir es führen, ständig über unsere Brüder hinweg und bereichern uns an ihnen.
Wer sein Hemd bei C&A oder Esprit oder irgendeiner anderen führenden Marke kauft, der bezahlt für etwas, bei dem unsere Brüder in Thailand oder Kambodscha oder wo gerade die Nähbänke stehen, ausgebeutet werden. So knallhart muss man es sagen. Bei der meisten Kleidung die ich gerade trage ist ein Bereichern im Spiel. Versuchen Sie einmal Kleidung zu finden, die fair gehandelt ist; Kleidung, bei der keine asiatischen Kinder oder Frauenhände zu Spottlöhnen mitgearbeitet haben, damit wir uns über einen billigen Preis freuen können. Das ist schwer und vor allem: sehr, sehr teuer.
Ich habe mir in den letzten Jahren wenige Hemden, die zu fairen Löhnen in Europa produziert wurden, angeschafft. Und mehr unfaire, denn nur die fairen könnte ich mir nicht leisten.
Und dann reden wir noch nicht über die Hose, die Unterhose, das Unterhemd, die Socken, den Schlafanzug und vieles mehr.
Ganz ehrlich: Unsere Kleidung basiert auf unfairen Geschäftsbedingungen.

Und beim Essen geht es weiter: Der Kaffee, die Schokolade, der Kakao, die Nüsse, all das aus fremden Ländern: Bei uns sehr bezahlbar, dort oft zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben
Und die Diskussion um die Milchbauern zeigt endlich auch bei uns: Essen kostet, damit wir unsere Brüder nicht übervorteilen!

Ich denke wir müssen ehrlich mit uns sein: Ja, wir übervorteilen unseren Bruder bei Geschäften. Einfach weil wir hier leben, wo wir leben und wie wir leben.
Und unsere Heiligkeit sie fordert von uns: Setzt euch dagegen ein! Fragt bei der Kleidung nach wo sie herkommt. Leistet euch auch mal ganz bewusst ein fair hergestelltes Hemd.
Kauft den fairen Kaffee und die Milch möglichst vor Ort.
Fragt den Händler nach den Geschäftsbedingungen.
Und fragt danach, wie unsere weltweiten Handelsabkommen gestaltet werden.

Ich will jetzt nicht in den moralischen Zeigefinger verfallen. Aber ich glaube auch: In unserem Leben zeigt sich, wie sehr wir unseren Glauben ernst nehmen und uns davon berühren lassen.
Unser Lebenswandel entscheidet nicht ob wir heilig sind. Er zeigt aber, ob unsere Heiligkeit sichtbar ist und eine Inspiration für andere sein kann.
Denn Heilige, die wie sie auch die die anderen Kirchen kennen und verehren, das sind nach evangelischer Auffassung Glaubensvorbilder und Inspirationen.
Amen.

Sonntag, 10. Juli 2016

Sich vom Ideal fragen lassen: Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis (Apg 2,41a.42-47)

Liebe Gemeinde,
Lukas hatte sich tief in die Geschichte seines Glaubens verkrochen. Er hatte nachgeforscht, nachgefragt, bei denen, die noch lebten, denn: er schrieb ein Buch über die Entstehung des Glaubens. Das erste, das über Jesus, war schon fertig. Nun war der zweite Teil im Entstehen: Wie ging es nach Ostern weiter?
Das Pfingstgeschehen hatte er schon beschrieben: Der Heilige Geist ließ die Menschen merken, dass Jesus der Sohn Gottes war. Dass die Christen recht hatten. Weitergehen würde es mit den ersten Aposteln.
Ach, das Leben damals, war schon ganz anders als das nun, 50 Jahre später. Damals, da war noch mehr Begeisterung, Pepp, dahinter. Und nun: Es Menschelte schon sehr!
Es gibt viel zu viel Streit – obwohl Jesus Gemeinschaft gefordert hatte.
Die Armen werden benachteiligt – obwohl Jesus Gleichheit wollte.
Und: Der Glaube ist in Gefahr.

Ob es damals besser war? Lukas ist sich nicht sicher. Vielleicht schon. Auf jeden Fall könnten sich die Leute heute von der damaligen Gemeinde eine Scheibe abschneiden. Vielleicht sollte Lukas noch ein Stückchen einfügen, in dem diese Punkte besonders betont werden. Ein Stückchen, in dem er vielleicht etwas übertreibt – aber zu einem guten Zweck: So könnte die Gemeinde heute ins Grübeln kommen, ob Ihr Leben noch den Idealen entspricht. Ob es nicht Zeit wäre, etwas zu ändern.
Ja, das wäre es!
Und so schreibt Lukas folgendes:
Die das Wort annahmen, ließen sich taufen.
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel
und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.
Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.
Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.


Liebe Gemeinde,
so ähnlich stelle ich mir die Gedanken des Lukas vor, als er unseren Predigttext schrieb: Ich glaube er wusste, dass 50 Jahre vor seiner Zeit, in der Zeit der ersten Gemeinde, nicht alle auf einen Schlag ihren Besitz verkauft haben.
Ich glaube er wusste, dass nicht einige tausend Personen einmütig täglich beieinander waren.

Ich glaube, es ging ihm drum, ein Idealbild zu zeichnen um seine Gemeinde auf Mißstände aufmerksam zu machen. Ich glaube er wollte Ihnen einen Spiegel vorhalten, aber er konnte schlecht wie Paulus seiner Gemeinde Vorwürfe machen.
Paulus, der konnte das: Er war Gemeindegründer, angesehen, schrieb direkte Briefe, die auch Vorwürfe und Anweisungen beinhalteten.
Er, Lukas, war Roman und Geschichtsschreiber. Er musste einen anderen Weg gehen um seiner Gemeinde einen Spiegel vorzuhalten. Und so schrieb er vom Idealzustand der christlichen Gemeinde, zurückversetzt in die Zeit der ersten Christen:
Alle wären täglich beieinander, einmütig, gingen täglich in den Tempel, feierten Abendmahl, teilten das Brot.

Ich glaube, es lohnt sich zu suchen, in welchen Punkten Lukas seiner Gemeinde den Spiegel vorhält, denn mein Eindruck ist: Dieser Spiegel, diese Punkte, treffen uns immer noch.
Mein Eindruck ist: Lukas stellt alles unter den Aspekt der Gemeinschaft. Und so habe ich mir drei Punkte herausgesucht, die diesen Aspekt der Gemeinschaft entfalten.

1. Gemeinsam Armut Bekämpfen

Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
Es hört sich an wie eine Kommune aus den 70ern, ein Kibbuz in Israel oder ein Kloster: Alle besitzen alles.
Für mich eine schreckliche Vorstellung: Ich bin froh, dass manche Sachen nur mir gehören. Und im Bibelkreis haben wir darüber diskutiert, was dann gemacht wird, wenn das Geld weg ist.
Aber eine richtige und wichtige Anfrage gibt es: Die Grundidee des Christentums ist, dass keiner Not leiden muss. Es soll keine Armen, keine Menschen die Hungerleiden mehr geben. Keiner soll betteln müssen, jeder soll genug zum Leben haben.
Ein Ideal von dem wir noch weit weg, fast genauso weit wie zur Zeit der ersten Christen.
Das Idealbild das Lukas uns malt stellt uns die Frage: Wie wichtig ist uns unser Besitz? Auf wie viel können wir verzichten?
Wären wir beispielsweise bereit eine Flüchtlingsfamilie in unser Haus aufzunehmen, wenn sie sonst auf der Straße stünde?

2. Gemeinsam den Glauben teilen
Die das Wort annahmen, ließen sich taufen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel

Die Urchristen teilten Ihren Glauben miteiander. Lukas idealisiert, aber aus seinen anderen Erzählungen und denen des Paulus wissen wir: Die ersten Gemeinden entstanden in Hausgemeinden, man öffnete sein Haus für andere und erzählte anderen vom Glauben.
Dahinter steckt eine wichtige Erkenntnis: Zum christlichen Glauben gehört Gemeinschaft. Es gehört dazu, gemeinsam über Jesus, Gott und die Bibel zu diskutieren. Es gehört dazu, sich von anderen kritische Fragen stellen zu lassen.
Es gehört auch dazu, Gemeinschaft im Gottesdienst zu erleben. Zu merken, ich bin nicht allein in meinem Glauben, gerade dann wenn mein Glaube angefochten ist.
Damals war es eher die Christenverfolgung, heute ist es eher wenn einer naher Mensch im Sterben liegt, man in Amerika wegen eines Rücklichts sterben kann oder der Terror ein Land trifft.
Es ist gut, gemeinsam über den Glauben nachzudenken.
Aber tun wir das genug? Teilen wir unsere Gedanken, unsere Bedenken? Kommen wir regelmäßig in eine Gemeinschaft, sei es im Gottesdienst, oder einen der Kreise?
Laden wir andere ein, mitzukommen, wenn Sie nicht kommen? Sind wir offen auch für die schrägen und schwierigen Mitchristen, für die unser Gottesdienst fremd ist?
Und können wir über alten Streit hinwegsehen oder darüber dass ein Prediger schwierig ist, weil uns die Verbindung im Glauben wichtiger ist?

3. Gemeinsam Feiern und Leben.
und sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.

Die ersten Christen feierten nicht nur Abendmahl, sie hatten  auch ein Abendmahl – sie aßen gemeinsam zu Abend. So viel Freude und lauteres Herz war sicherlich nicht dabei, denn von Paulus wissen wir, dass einige sich den Bauch vollschlugen, während die anderen auf einem Kanten Brot kauten. Aber von dem Arm-Reich Problem abgesehen: Die Christen feierten und lebten gemeinsam. Christentum, das lässt sich nicht an der Kirchentür anziehen und wieder abgeben. Als Christ bin ich mit dem Anderen mein Leben lang verbunden. Nicht immer einer Meinung und ohne Konflikte, aber so verbunden, dass ich mit Ihm gemeinsam zu Tisch essen kann. Jesus sagt: Wenn du Streit mit deinem Bruder hast, geh nicht im Tempel zum Gottesdienst sondern kläre erst den Streit mit deinem Bruder.
Wer einen Streit mit seinem Bruder hat weiß: eine schwere Aufgabe.
Ein zweiter Aspekt ist mir aufgefallen: Das Verhalten der Christen führt zu Wohlwollen beim Volk. Das heißt: Das Volk merkt, dass es die Christen gibt.
Die Christen damals verstecken sich nicht, leben ihr Christentum nicht im Kämmerchen, sondern sind sichtbar.
Wo sind wir sichtbar als Christen und als Kirche? Verstecken wir uns und denken wir uns: Die Leute werden schon kommen?
Oder gehen wir mit unserer Botschaft zu den Menschen? Sind vielleicht einfach nur da als Christen?

Liebe Gemeinde,
Lukas zeichnet ein Idealbild. Damit stellt er uns kritische Fragen, bringt uns ins Nachdenken.
Wir sollten uns kein schlechtes Gewissen machen lassen. Aber wir sollten offen sein für die Fragen des Lukas:
Bekämpfen wir gemeinsam Armut?
Teilen wir unseren Glauben miteinander?
Feiern und Leben wir gemeinsam?

Amen.

Samstag, 9. Juli 2016

Konfirmandenvorstellungsgottesdienst


Gottesdienst zur Konfirmandenvorstellung

Verfasser: Pfr. Gerhard Beck, Neunburg vorm Wald, gerhard.beck@elkb.de, http://www.gerhardbeck.de

Der folgende Gottesdienst wurde als Konfirmandenvor­stellungsgottesdienst am Anfang des Konfirmandenjahres entworfen.
Die Konfirmanden übernehmen die meisten Teile/Gebete

Eingangsmusik
Begrüßung (Pfarrer)

Eingangsgebet (Konfirmand):
Ich schaue und höre auf das, was gewesen ist,
die Bilder, die die vergangenen Tage in mir zurückließen,
die Stimmen, die noch in meinem Ohren und Herzen nachklingen, ich schaue und höre,
(Stille)
Ich schaue und höre, was in mir ist,
meine Bilder der Sehnsucht und Hoffnung,
meine Rufen, meine Angst und mein Bitten,
ich schaue und höre
Amen.

Pfarrer: Wir schauen und hören. Wir merken, wo wir unsere Grenzen haben. Wo wir gerne anders handeln würden, als wir es tun.
All unsere Grenzen bringen wir vor Gott mit der Bitte uns zu helfen. Wir singen
Kyrielied: Meine engen Grenzen (083)

Introitus: Ps 1 (Gesangbuch)
Wer auf Gott vertraut, der ist wie ein Baum. Gott ist unsere Wurzel, die uns trägt. Dafür wollen wir Gott loben mit dem Lied:
Gloria: 272: Ich lobe meinen Gott

Gebet des Tages: (Konfirmand)
Wir beten:
Unser Leben ist wie ein Baum mit tiefen Wurzeln.
Manchmal spüren wir den guten Grund,
in den wir eingepflanzt sind,
gewinnen Kraft und Halt in Gottes Liebe.
So bitten wir:
Lass uns nicht aufhören, Gott, nach dir zu fragen,
damit wir erfahren, wie gut du es mit uns meinst.
Amen

Lesung aus der Schrift: 2. Tim 3,14-17 (Konfirmand)
Glaubensbekenntnis (Pfarrer)

Wochenlied: 010 Lobe den Herrn meine Seele

Predigt (benötigt wird ein Haltestellenschild, lässt sich z.B. beim Bauhof ausleihen.
Als Vorbereitung haben die Konfirmanden sich am Tag vorher im Unterricht Gedanken gemacht: „Warum lohnt es sich über Gott nachzudenken?“)

Liebe Gemeinde,
wir haben hier ein Haltestellenschild aufgestellt. [Die Konfis kennen es schon von unserem Konfirmandenwochenende und alle diejenigen von Ihnen, die bei der Konfirmation dieses Jahr anwesend waren, wissen auch] Eine Haltestelle passt gut als Symbol für den Konfirmandenunterricht!
Der Konfirmandenunterricht ist der Beginn eines intensiven Nachdenkens über Gott. In jedem Konfirmandenunterricht bleibe ich stehen – wie an einer Haltestelle. Und ich werde dann an einem Samstag vormittag mitgenommen auf einer Reise des Nachdenkens über Gott. Sei es an einem ganzen Wochenende, sei es beim Geld sammeln, beim Nachdenken über den Ablauf des Gottesdienstes oder dem Versuch das Kirchenjahr in die richtige Reihenfolge zu kriegen.
Momentan sind wir ja noch in der Aufwärmphase, denn die harte Nüsse folgen noch: Die 10 Gebote und warum sie keine Befehle sind. Das Vater Unser, die Frage warum ich mein Kind taufen lassen sollte und am härtesten: Der Sinn des Glaubensbekenntnises. Ja, ganz ehrlich: Da beißen sich viele Erwachsene mit mehr als doppelt so viel Lebens- und Glaubenserfahrung die Zähne aus. Aber unsere Konfis die lassen sich darauf ein, steigen mehr oder wenig mit ein in den Bus Konfirmandenunterricht, der sie in die Welt des Glaubens mitnimmt.

Warum das ganze? Wieso sollen wir nachdenken über Gott? Das haben wir uns auch gestern gefragt und eine Auswahl an Antworten präsentieren uns jetzt X, Y und Z

Unser heutige Predigttext, der Psalm 1, findet andere Antworten. Sie haben ihn schon gesprochen, hören ihn aber jetzt nochmals in einer neuen Übertragung, gelesen von Konfirmand:
PS 1 neu gelesen: Übertragung aus der VELKD Agende Konfirmation

Pfarrer: Wohl dem, der nachdenkt über das, was uns helfen kann, und dann weiß, was er glaubt und wofür er lebt. Der ist wie ein Baum mit tiefen Wurzeln… der verbringt sein Leben nicht nutzlos“.

Ich denke, darum geht es. Deshalb machen Frau XYZ und ich diese Arbeit mit euch Konfis, jedes Jahr immer wieder von neuem: Weil wir uns mit euch auf die Suche nach dem machen, was uns im Leben helfen kann. Was uns trägt, so wie ein Baum gehalten wird. Weil wir mit euch nach dem Sinn des Lebens suchen wollen. Und ganz ehrlich: Weil wir auch selber immer wieder viel gewinnen, viel erfahren und viel von Euch lernen.
Wenn wir bei dem Haltestellenschild- Vergleich bleiben: Wir sind sehr gerne eure Busfahrer, die mit euch herumfahren.
Das Ziel zu dem wir alle gemeinsam fahren ist Gott. Ihn versuchen wir zu verstehen. Das hat bei euch schon als kleines Kind angefangen, spätestens im Religionsunterr-icht. Als Konfirmanden geht es weiter und diese Reise wird eigentlich nie enden. Aber es ist eine schöne Reise, denn sie lohnt sich: Wer nach Gott fragt, so sagt der Psalm, entdeckt das Leben, das ganzen Einsatz lohnt und sich bewährt.
Amen.

Vorstellung aller Konfis:
- Name, Alter, Wohnort, Konfirmandenunterricht ist für mich eine Haltstelle zu(m)

Predigtlied + Kollekte : 295,1-3 Wohl denen, die da wandeln

Abkündigungen (Pfarrer)
Fürbitten (Konfirmand)
Pfarrer: Guter Gott, du bist unsere Wurzel, aus der wir Leben. So kommen wir zu dir und bitten dich:

[Fürbitten von den Konfirmanden entworfen und vorgetragen]

Vater Unser

SEGEN
Der Herr segne und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesich leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch + Frieden.
Amen

Endlied: 295,4
Musik zum Ausgang

Sonntag, 17. April 2016

In jedem das Beste sehen - Predigt zum Sonntag Jubilate (1. Joh 5,1-4)


Liebe Gemeinde,
ich glaube jeder Mensch hat mindestens eine Person, mit der er gewaltige Probleme hat. Eine Person, bei der man am liebsten den Raum verlassen würde, wen sie ihn betritt.
Manchmal findet man einen einfach unsympathisch.
Manchmal hat diese Person jemanden verletzt.
Manchmal liebt man sich eigentlich auch, aber hatte einen Riesen-Streit.

All das ist ganz normal in unserer Welt. Wir sind Menschen und als Menschen muss und kann man sich nicht mit jedermann verstehen. Zu unserer Welt gehört, dass es Menschen gibt, die man nicht mag. Menschen, die sich unmöglich aufführen und Menschen die schreckliches tun.
Zu unserer Welt gehört der Streit am Arbeitsplatz, der Ehestreit, Schlimmer noch: Morde und Terrorismus. Aber ich denke, mit Mördern und Terroristen haben wir in unserem Alltag nicht oft zu tun. Eher haben wir mit dem Arbeitskollegen zu tun, der unerträglich ist oder mit dem Freund, mit dem es einen Krach gab.

Wie gehen wir mit dem Gegenüber um?
Bleiben wir in unserer Wut, unserem Ärger über den Anderen? Schaffen wir es in ihm oder ihr noch das Gute zu sehen? In einer Beziehung die Liebe zu spüren?
Oder glauben wir: die Person ändert sich nicht mehr! Da ist schon Hopfen und Malz verloren.

Unser Predigttext sagt: An Eurem Umgang mit dem Anderen, sieht man, ob ihr Christen seid. Unser Predigttext hält uns den Spiegel vor, zwingt uns ehrlich zu uns selbst zu sein.
Er steht im 1. Johannesbrief im 5. Kapitel:

Wer glaubt: Jesus ist der Christus, hat Gott zum Vater. Und wer seinen Vater liebt, liebt auch seine Geschwister, die ja denselben Vater haben.
Ob wir die Kinder Gottes lieben, erkennen wir daran:
Wir lieben Gott und halten seine Gebote. Denn unsere Liebe zu Gott äußert sich darin,dass wir seine Gebote halten. Und es ist nicht schwer, seine Gebote zu halten.
Denn jeder, der Gott zum Vater hat, besiegt die Welt.
Dabei ist es unser Glaube, mit dem wir diesen Sieg über die Welt erringen.

Liebe Gemeinde,
Wer glaubt, Jesus ist der Christus, der von Gott auserwählte, der Gesalbte, der hat Gott zum Vater. - Was macht einen Vater aus?
Ich denke ein Vater liebt seine Kinder – bedingungslos. Er liebt sie, auch wenn sie ihm auf die Nerven gehen, sich mit ihm streiten. Er liebt sie, weil sie seine Kinder sind.
Menschliche Väter haben ihre Grenzen. Es ist eine bedingungslose Liebe, aber sie ist nicht Grenzenlos. Da ist der Vater, der als überzeugter Christ in der Bibel liest, dass aktive Homosexualität nicht erlaubt ist.
Und sein Sohn outet sich als bekennender Schwuler. Eine Grenze wurde da für ihn überschritten und er will mit seinem Sohn nichts mehr zu tun haben.
Da ist der Vater, der seine Tochter verstößt, weil sie den falschen geheiratet hat: Jeden hättest du nehmen können, aber diesen nicht! Ruft er ihr zum letzten Abschied nach.
Da ist der Vater, dessen Sohn plötzlich das Erbe fordert. Du stirbst sowieso bald! Sagt er und geht mit dem Geld. Der Vater ärgert sich so sehr, dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben will.
Menschliche Väter haben ihre Grenzen. Auch das gehört zum Mensch sein, zu der Welt, in der wir leben.

Die Bibel beschreibt Gott als Vater anders: Als der Sohn, der das Erbe gefordert hat und das Geld verprasst hat, zurück kommt, umarmt ihn sein Vater. Er war traurig, dass er weggegangen ist und ist froh, dass der Sohn wieder da ist. Er beschützt ihn sogar vor seinem ärgerlichen Bruder.
Das ist schon über-menschlich. Es ist eine bedingungslose und grenzenlose Liebe.
Gott der Vater sieht das Gute in uns. Er sieht unser Potential, selbst wenn wir es durch unsere Handlungen verdecken. Er sieht in jedem von uns das Beste.
Und wer seinen Vater liebt, liebt auch seine Geschwister, die ja denselben Vater haben.
Gott sieht in mir das Beste. Gott lieben heißt: Ich nehme ihn ernst. Ich versuche zu verstehen und vor allem anzunehmen, dass Gott die geniale Fähigkeit hat, in uns allen das Beste zu sehen. Und weil ich Gott ernst nehme, versuche ich im Anderen das Beste zu sehen – so wie Gott.
Das ist leicht, bei Leuten die ich liebe. Und extrem schwer, bei Leuten, die ich nicht mag.
Es ist extrem schwer, im Höhepuntk des Streites, den ich mit meinem Partner habe, in ihm das Beste, seine liebenswertesten Eigenschaften zu sehen.

Aber genau das bedeutet Gott ernst nehmen, ihn lieben: Genauso wie er im anderen das Beste zu sehen.
Sich nicht zu denken: Der will mich nur ärgern mit dem was er sagt und tut.
Sondern innezuhalten und sich zu überlegen: Warum tut er, sie das. Und erst danach etwas zu sagen. Oder manchmal besser zu schweigen.
Wenn wir das schaffen, halten wir Gottes Gebote, so möchte ich behaupten. Denn wir erfüllen das, was Jesus als das Höchste der Gebote bezeichnet hat: Liebe Gott und lieben deinen Nächsten wie dich selbst.
Und es ist nicht schwer, seine Gebote zu halten. Behauptet der Predigttext: Denn jeder, der Gott zum Vater hat, besiegt die Welt.
Ich finde es sehr schwer, das Gebot der Liebe zu halten. Ich finde es sehr schwer mir bei der Person, der ich aus dem Weg gehe, zu überlegen was ihr bestes sei.
Ich finde es sehr schwer mitten in einem Streit zu bedenken, was ich am anderen liebe.
Es ist extrem schwer die drei Gebote: liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe dich selbst zu halten!

Aber es ist es wert es zu versuchen. Denn es ist uns ja ein Versprechen mitgegeben: Denn jeder, der Gott zum Vater hat, besiegt die Welt.
Dabei ist es unser Glaube, mit dem wir diesen Sieg über die Welt erringen.

Die Welt besiegen, das heißt: Die Welt verändern.
Die Welt verändert sich, wenn wir es schaffen, im Anderen das Beste zu sehen.
Die Welt verändert sich, wenn wir mit der Person, der ich nicht begegnen will, in einem Raum zu sein.
Die Welt verändert sich, wenn ich mich mit meinem Partner wieder versöhne und den nächsten Streit im Keim ersticke, weil ich mich zurückhalte.
Die Welt verändert sich, wenn ich bereit bin zu vergeben.

Ich finde: Die Veränderung der Welt ist die Mühe, dass wir versuchen das Beste im Anderen zu sehen, wert. Amen